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Einstürzende Müllhalden


Ausgrabungen in den Königsgrüften von Qatna: Zum Schutz gegen Pilzsporen tragen die Arbeiter einen Mundschutz. Foto: Konrad Wita

Das Leid der Menschen ist das Glück des Archäologen. Warum einstige Unglücks-Orte besonders ergiebige Fundstätten sind.

 

von Carl Josef Kutzbach

 

 

Schadenfreude ist eine Empfindung, die Altertumsforschern keineswegs fremd ist - das jedenfalls gesteht Archäologe Peter Pfalzner, Professor am altorientalischen Seminar der Universität in Tübingen, offen ein. Eine solche Schadenfreude allerdings, ist nicht etwa der Ausdruck eines bösartigen Charakters, sondern ergibt sich fast schon zwingend aus der Tätigkeit des Archäologen selbst.

Dessen Funde sind nämlich umso besser verwertbar, je fluchtartiger die Menschen früherer Zeiten ihre Behausungen verlassen mussten - oder aber, wenn sie - wie beim Ausbruch des Vesuvs in Pompei - durch ein unvorhergesehenes Ereignis plötzlich ums Leben kamen. Da blieb keine Zeit zum Ausräumen. Entsprechend gut lässt sich heute der Alltag dieser Menschen rekonstruieren. So machte Pfalzner aufschlussreiche Funde, als er die Stadtplanung der 4500 Jahre alten Stadt Urkesch in Nordostsyrien untersuchte:

"Wir fanden in einem Haus die Scherben von 30 Gefäßen. Die haben wir zusammengesetzt und konnten anhand der Fundorte das Haus wieder einrichten ," berichtet der Archäologe: Gefäße für Mehl verrieten ihm, wo einst gemahlen wurde. " Vorratsbehälter standen längs der Mauer, ein kleiner Raum diente als Speisekammer, aber sonst fanden alle Aktivitäten, also Sitzen, Essen, Schlafen, in dem großen Raum mit dem Herd statt."

Was genau es war, das vor rund 3800 Jahren die Menschen in die Flucht jagte, ist nicht bekannt. Ob Überfalle, Epidemien, Vulkanausbrüche, Überschwemmungen, Sturm, Feuer oder Hungersnot: - all diese Katastrophen spielen den Archäologen Informationen zu, die sie nicht erhalten hätten, wenn die Bewohner selbst ihr Zuhause abgerissen und das Baumaterial wieder verwendet hätten. Statt dessen zeigen nun Grundstücke, die von gleicher Größe sind, oder einheitlich gestaltete Hausgrundrisse, dass es bereits vor über 4000 Jahren Stadtplanung und Serienfertigung gab. Auch familiäre Tragödien von gestern dienen unfreiwillig der Forschung von heute:

"Gräber verraten etwas über die Gesundheit ", erläutert Professor Pfalzner. "Hinter dem Haus, das wir untersuchten, war ein Bestattungsplatz. Die vielen Kindergräber erzählen von hoher Kindersterblichkeit, und die Knochen, von Mangelernährung. " Besonders interessant sei der Fund eines 10-15 jährigen Mädchens, dem man einen kleinen metallenen Widder mit ins Grab gelegt hatte. Dessen Hufe waren durchbohrt, um eine Achse mit Rädern aufzunehmen. "Wahrscheinlich ihr Lieblingsspielzeug, das auch verrät, dass es ebene Flächen gegeben haben muss, wo der Widder gut rollen konnte."

Müll ist der zweite große Verbündete der Archäologie. Während es in unseren Breiten oft ehemalige Burggraben, Plumsklos oder zugeschüttete Brunnen sind, in denen Scherben, Schmuckstücke oder Gebrauchsgegenstände gefunden werden, musste sich Archäologe Pfalzner durch uralte Müllberge hindurch graben. Über die Müllentsorgung in Urkesch weiß er folgendes zu berichten:

"Wir stellten fest, dass sich in dieser Stadtanlage ein Platz im Stadtzentrum befand, der von Anfang an zum Stadtbild gehörte, und der über einen Zeitraum von mehreren 100 Jahren sorgfältig freigehalten und gesäubert wurde. Von einem bestimmten Zeitpunkt an, wurde er mit Müll zugekippt. Den Zeitraum der Müllablagerung können wir mit annähernd 300 Jahren angeben. In dieser Zeit also, wurde dort ein Müllberg von 12 m Höhe abgelagert! "

Warum dieser Müllabladeplatz plötzlich im Stadtzentrum entstand, nachdem man vorher den Müll vor die Stadt getragen hatte, ist unklar. Müll war schon damals ein weit verbreitetes Problem: in den Städten des 3.Jahrtausends bereits, fielen große Mengen an Abfall an - und dies in einer Gesellschaft, in der es kein Plastik gab und nur wenige sonstige Konsumgüter, die zum einmaligen Gebrauch bestimmt waren. Wie war das möglich? Die Antwort des Archäologen mutet jedoch durchaus plausibel an:

"Die größte Menge Müll bestand aus Asche, weil jedes Haus einen eigenen Ofen und eine eigene Herdstelle besaß. Hauptnahrungsmittel war das Brot, so dass in jedem Hause jeden Tag Brot gebacken wurde. Das hatte zur Folge, dass täglich leicht ein, zwei, manchmal drei Eimer voll Asche anfielen."

Bei 20000 Einwohnern, also rund 4000 Haushalten, sind das 8000 Eimer am Tag: und das täglich einige Jahrhunderte lang! Die Asche konservierte auch jene Funde, die in feuchtem Boden längst vermodert wären: ,, Knochen, also Speisereste, an denen noch Schneidespuren vom Zerlegen durch Tiere erzählen, aber auch Bissspuren von Hunden, die sich wohl einst auf dem Müllplatz um die Speisereste balgten ."

Müll, Luftverschmutzung, aber auch Lärm und Verkehrschaos sind Probleme, welche die Städter seit Jahrtausenden plagen. Vor 2000 Jahren war Rom die erste Millionenstadt Europas. Das hieß: Unzählige Fußgänger, Karren und Pferdewagen quälten sich durch die Straßen: ein antikes Verkehrschaos, das die Politiker auf den Plan rief. Holger Sonnabend vom Historischen Institut der Universität Stuttgart weiß von täglichen Verkehrsinfarkten zu berichten und auch davon, dass man für den Weg zur Arbeit viel Geduld mitbringen musste.

"Die Behörden haben dann dafür gesorgt, dass die Stadt tagsüber nur den Fußgängern gehorte. Und die Fuhrwerke, die Wagen, welche die Waren brachten oder die aus anderen Gründen in die Stadt wollten, durften erst nachts hinein " - was wiederum die fatale Folge hatte, dass die Bewohner von Rom um den Schlaf gebracht wurden: der Lärm, den die Fuhrwerke auf den gepflasterten Straßen verursachten, muss beträchtlich gewesen sein!

Also forderten die Bürger Maßnahmen zur Verkehrsberuhigung und bekamen sie auch. Die aber kann man heute nicht in Rom, sondern nur noch in Pompei bewundern, berichtet Dr. Klaus Zimmermann, der sich an der Universität Jena mit alter Geschichte befasst:

Es gibt dort hohe Schwellen, die von den Wagen nicht passierbar waren. Es gibt Trittsteine in der Fahrbahn, die nur von Wagen einer bestimmten Spurenbreite und einer bestimmten Achsenhöhe überfahren werden konnten. Es gibt quer verlaufende Laufbrunnen in der Stadt, die unter anderem dazu dienten, den Verkehr völlig zu unterbinden. Und es gibt dort Möglichkeiten, den Verkehr für einzelne Strassen zu sperren - mit Hilfe kleiner Tore, die man bei Bedarf ganz zusperren konnte."

Stumme Zeugen also, die - dank der Katastrophe von Pompei - von Verkehrslärm, Gehwegen, Fußgängerzonen, oder, als Trittsteine, von den Vorläufern des Zebrastreifens erzählen. In Ägypten findet man sogar die ersten Graffiti eines archaischen Touristen. Auf einem Isistempel, so berichtet Holger Sonnabend, habe man die Inschrift "Numonius vala hic fui" gefunden: "Ich bin hiergewesen - I was here! Der war also tatsächlich im Jahre 2 vor Christus da und daher sozusagen der Urahn aller Graffiti-Touristen!"

Übrigens: auch in diesem Falle hat der rasche Verfall des Heiligtums die Beseitigung der Inschrift verhindert!

 

 

 

 

 

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