30.06.2004

Besuch beim Herrn der Ringe



Bild: NASA

 

Mit einer Geschwindigkeit von über 20.000 Kilometern pro Stunde rast ein busgroßes Ungetüm seinem Ziel entgegen – während sich unter den Planetenforschern auf der Erde langsam Nervosität breit macht: Die Sonde Cassini erreicht Saturn.

Von Rainer Kayser

 

Mit einer Masse von 5,6 Tonnen, einer Länge von 6,7 Metern und einem Durchmesser von 4 Metern ist Cassini/Huygens die größte und anspruchsvollste Raumsonde, die je gebaut und ins All geschossen wurde. Und eine der teuersten: Insgesamt 3,4 Milliarden Dollar kostet die Mission, die den Wissenschaftlern neue Erkenntnisse über den sechsten Planeten des Sonnensystems, über seine Atmosphäre, sein komplexes Ringsystem und seine 31 Monde liefern soll.

Mit insgesamt zwölf Messinstrumenten ist allein der Cassini-Orbiter ausgestattet: zwei Kameras, Spektrographen für sichtbare, infrarote und ultraviolette Strahlung, ein Radargerät, sowie Detektoren für elektrisch geladene Teilchen, Staubpartikel und Magnetfelder.  Hinzu kommen sechs Instrumente an Bord des Huygens-Landers, die den Forschern Aufschluss über die chemische Zusammensetzung von Atmosphäre und Oberfläche des Saturnmondes Titan geben und erstmals Bilder  von seiner Oberfläche zur Erde senden sollen. 

Die Reise zum Saturn glich einem kosmischen Billardspiel: Gleich zweimal, im April 1998 und im Juni 1999, holte die Sonde im Schwerefeld der Venus Schwung, im August 1999 passierte sie zur weiteren Beschleunigung die Erde und im Dezember 2000 schließlich gab der Riesenplanet Jupiter Cassini/Huygens den finalen Kick für den Flug zum Saturn.

Auch nach der bevorstehenden Ankunft bei dem Ringplaneten – morgen, am 1. Juli, zündet die Sonde ihre Triebwerke, um in eine Umlaufbahn einzuschwenken -  bleibt die Flugbahn der Raumsonde eine Herausforderung für die Himmelsmechaniker. Anstatt Saturn auf einer schlichten Ellipsenbahn zu umrunden, soll Cassini den sechsten Planeten auf einem chaotisch anmutenden Kurs umfliegen, der mal über den Äquator, mal über die Pole des Saturn führt und darüber hinaus Gelegenheit zu engen Begegnungen mit möglichst vielen seiner Trabanten bietet.

Im Dezember dann teilt sich die Sonde: Während der amerikanische Cassini-Orbiter an dem Mond Titan vorbei fliegt und weiter seine Schleifen um den Saturn zieht, stürzt die in Europa entwickelte und gebaute Landekapsel Huygens auf Titan zu. Am 14. Januar 2005 dringt sie in die dichte Atmosphäre des geheimnisumwitterten Mondes ein, der mit einem Durchmesser von 5150 Kilometern halb so groß ist wie die Erde. 
Seit seiner Entdeckung im Jahre 1655 durch den holländischen Astronomen Christiaan Huygens ist es Titan gelungen, seine Geheimnisse hinter einem dichten orangefarbenen Dunstschleier zu verbergen. Titan ist der einzige Mond im Sonnensystem, der eine Lufthülle besitzt - eine Lufthülle, die überwiegend aus Stickstoff und Methan besteht und jener der frühen Erde ähnelt.

Vielleicht gibt es auf Titan sogar Ozeane aus flüssigem Methan und Äthan. Jüngste Infrarot-Aufnahmen mit einem der 8,2-Meter-Teleskope der Europäischen Südsternwarte Eso zeigen vier riesige, dunkle Regionen auf Titan – nach Ansicht der Astronomen könnten dies tatsächlich Methan-Meere sein. Das Zielgebiet von Huygens liegt genau in einer dieser Regionen, dem „Drachenkopf“. Nicht unwahrscheinlich also, dass Huygens zum ersten von Menschenhand geschaffenen Boot auf einer anderen Welt wird.

Zwei Stunden, nachdem sich die Fallschirme in 170 Kilometern Höhe entfaltet haben, erreicht Huygens mit einer Geschwindigkeit von fünf Metern pro Sekunde die Oberfläche - die Chancen, dass die Sonde den Aufprall übersteht, sind gut. Wie lange Huygens unter den unwirtlichen Bedingungen Messdaten an Cassini funken kann, ist selbst für die Raumfahrtexperten nur schwer einzuschätzen: Vielleicht nur Sekunden, vielleicht aber auch eine Stunde.

Bei einem Erfolg der Cassini/Huygens-Mission wird unser Wissen über Saturn und Titan gewaltig anwachsen. Und wer weiß, vielleicht findet Huygens auf Titan sogar Antworten auf die brennenden Fragen nach Entstehung und Herkunft des Lebens.

 

 


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