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10.01.2005

Erfahrungen mit Magdalena


 

Ein Sonderforschungs- Bereich an der Freien Universität Berlin fragt danach wie sich unsere Wahrnehmung des "Schönen" seit dem Ende des 18. Jahrhunderts verändert haben.

 

von Josef Tutsch

 

Es muss im Mai 1782 gewesen sein. Der englische Landschaftsmaler Thomas Jones blickte aus dem Fenster seines Ateliers in Neapel  und malte, was er dort sah: eine hohe, kahle Mauer mit Balkontür, darauf Wäsche aufgehängt, ein wenig blauer Himmel, am Erdboden etwas Grün - sonst nichts.

Das Ganze scheint von verblüffender Treue in der Wiedergabe, einschließlich des hellen Streifens, den das jahrelang vom Balkon gegossene Waschwasser an der Mauer hinterlassen hat; aber dann sieht man rasch, dass der Maler seine banale Realität sehr genau kalkuliert hat: Was sich als Abbildung gibt, ist primär ein „Bild“, eben eine Platte mit Farbauftrag, kaum anders als die gegenstandslose Malerei des 20. Jahrhunderts.

Wenn man so will, liegt hier die Geburtsstunde der modernen Kunst - es war die Zeit, wo sich in England die Dampfmaschine durchsetzte und in Frankreich das ancien régime zu Ende ging; wenige Monate, bevor Jones in Neapel sein Bild malte, erschien in Riga Immanuel Kants „Kritik der reinen Vernunft“. Der Frage, wie unser Kunstverständnis und unsere Wahrnehmung des „Schönen“ sich in dieser modernen Zeit seit dem Ende des 18. Jahrhunderts verändert haben, geht ein Sonderforschungsbereich nach, den die Deutsche Forschungsgemeinschaft an der Freien Universität Berlin eingerichtet hat: „Ästhetische Erfahrung im Zeichen der Entgrenzung der Künste“; bis Ende 2006 wird die DFG das Projekt, das der Kunsthistoriker Prof. Werner Busch leitet, mit 4,2 Millionen Euro fördern.

„Entgrenzung“ - das meint zum einen, dass die Grenzen zwischen den einzelnen Kunstgattungen durchlässig geworden sind: Durch Video-, Phono- und Computerkunst sind die überkommenenen Einteilungen radikal in Frage gestellt worden. Und zum anderen ist auch die Grenze zwischen der Kunst und dem Leben selbst fließend geworden. „Potentiell wird die gesamte Lebenswelt ästhetisiert“, erklärt der Geschäftsführer des Sonderforschungsbereichs, Dr. Michael Lüthy: „Das betrifft den Umgang mit dem eigenen Körper - Stichwort Kosmetik - ebenso wie die politische Propaganda. Und in den Museen finden wir heute jene Gebrauchsgüter, wie sie Marcel Duchamp bereits vor 90 Jahren zum Kunstwerk erklärt hat, zum Beispiel den berühmten Flaschentrockner.“

Dass das Publikum diese neue Ästhetik nur zögerlich mitvollzogen hat, gehört wohl dazu. „Bis ins 18. Jahrhundert entstand Kunst größtenteils im Auftrag von adligen Herren oder der Kirche“, meint Lüthy, „und die wollten ihre Weltsicht darin wieder finden - in der Regel eine idealisierende Sicht. Heute muss  jeder Künstler seinen Auftrag selbst formulieren, dann allerdings auch zusehen, wie er sich am Markt durchsetzt.“

Die Schwierigkeiten sind bekannt: Die Maler des Impressionismus provozierten zu Lebzeiten einen Kunstskandal nach dem andern, und „moderne“ Musik mag ein großer Teil des Konzertpublikums bis heute nicht hören. „Kunst will heutzutage nicht unbedingt schön sein“, spitzt der Literaturwissenschaftler Prof. Gert Mattenklott das Problem zu.

Wollte sie es eigentlich früher? Wenn im Mittelalter eine Altarstatue bestellt wurde, dann sollte dieses Werk vor allem „heilig“ sein. Ist das „Ästhetische“ eine Kategorie nur der Moderne, einer Zeit, wo Kunst von vornherein fürs Museum produziert wird? Mehrere Wissenschaftler, die bei dem interdisziplinären Projekt der FU mitarbeiten, befassen sich mit der Frage, ob es in anderen Kulturen oder gar im Tierreich so etwas wie „ästhetische Erfahrung“ gibt.

Zum Beispiel die attische Tragödie: Jahrhundertelang hatten Dichter und Philosophen den alten Aristoteles so verstanden, dass der Zuschauer im Theater zu einem ethisch besseren Menschen gemacht würde; aber vielleicht war viel schlichter gemeint, dass wir nach der Vorstellung beruhigt und befriedigt nach Hause gehen, weil das schreckliche Geschehen, das uns zu Tränen und Gänsehaut gerührt hat, eben doch „nur Theater“ war.

Hl. MagdalenaDas „Schwellenphä- nomen“, den zeit- weiligen Übertritt in eine andere Welt, hat die Theaterwis- senschaftlerin Prof. Erika Fischer-Lichte zu ihrem Thema ge- macht. Man wüsste gern, was eine ästhetische Schwel- lenerfahrung von einer religiösen unterscheidet. Macht jemand, der eine heilige Magdalena oder einen heiligen Sebastian betrachtete, eine religiöse oder eine ästhetische oder womöglich gar eine erotische Erfahrung?

Der Psychologe Prof. Helmut Leder will sich dem Problem streng empirisch nähern, mit Hilfe der Fragebogentechnik. Seine Voraussetzung: Das Ästhetische wird von unserem psychischen Apparat mühelos, sozusagen „flüssig“ verarbeitet, im Unterschied zur Anstrengung des Begriffs und zu den Widerständen der Praxis. Das klingt nach der Philosophie eines Immanuel Kant, aber man darf fragen; ob diese These eines interesselosen Wohlgefallens dem Selbstverständnis manches Künstlers von heute eigentlich gerecht wird.

Zumindest sich selbst pflegen die Künstler es nicht immer leicht zu machen. Flaubert soll für einen einzigen Roman anderthalbtausend Bücher gelesen und exzerpiert haben; in einem Brief entwickelt er dann die Idee, „ein Buch über nichts“ zu schreiben , „ein Buch, das fast kein Sujet hätte“. Paradoxien, wie sie bei modernen Künstlern so häufig sind: die Abschneidung von jedem gegenständlichen Bezug einerseits, die Sehnsucht nach sozialer und politischer Wirkung andererseits, die Attitüde des Hohen Priesters und im Gegenzug die Selbstanklage, dass „die Dichter zuviel lügen“ 

Jedenfalls tritt die Reflexion über das eigene Künstlertum in den letzten zwei Jahrhunderten gegenüber dem fertigen Kunstprodukt in verblüffendem Ausmaß in den Vordergrund. „Die denkbar radikalste Konsequenz hat bereits 1772 Lessing ausgesprochen,“, führt Lüthy an: „Meinen Sie,  heißt es in Emilia Galotti, dass Raffael nicht das größte malerische Genie gewesen wäre, wenn er unglücklicherweise ohne Hände wäre geboren worden?“

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