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12.01.2005

Kosmischer Präventivschlag



Grafik: NASA / JPL

Durch einen künstlichen Meteoriteneinschlag möchten Forscher mehr über die chemische Zusammensetzung und über die Struktur des Kometeninneren erfahren. Aber auch sonst hat "Deep Impact" herzlich wenig mit dem gleichnamigen Hollywood-Film zu tun.

Von Rainer Kayser

Der Angreifer kommt aus der Tiefe des Weltalls. Ein 370 Kilogramm schweres Kupferprojektil löst sich von dem Raumschiff und rast mit einer Geschwindigkeit von 37.000 Stundenkilometern auf den Kometen zu. Der Einschlag des Geschosses reißt einen stadiongroßen, vierzehn Stockwerke tiefen Krater in den Himmelskörper und katapultiert massenweise Eis und Staub ins All. Unterdessen rast das Raumschiff in 500 Kilometern Abstand an dem Kometen vorbei und funkt Bilder der erfolgreichen Attacke an seinen Heimatplaneten.

Dieser Heimatplanet heißt – Erde. Denn das martialische Szenario entstammt nicht dem jüngsten SF-Thriller, sondern den Plänen der amerikanischen Weltraummission „Deep Impact“, die heute am 12. Januar starten soll. Im Juli 2005 begegnet die Sonde dem kartoffelförmigen, sechs mal vier Kilometer großen Kometen Tempel 1. Der Beschuss des Himmelskörpers mit dem „Impactor“ soll den Wissenschaftlern erstmals einen tiefen Einblick in das Innenleben eines Kometen geben.

Die Schweifsterne sind eine Art kosmischer Zeitkapseln: Sie enthalten ursprüngliche Materie aus der Entstehungszeit unseres Sonnensystems. „Schmutzige Schneebälle“ nennen die Astronomen Kometen, denn sie bestehen aus einem lockeren Gemisch von Wassereis, gefrorenen Gasen, Staub und Felsbrocken. Nähert sich ein Komet der Sonne, so verdampfen die flüchtigen Substanzen und bilden einen häufig spektakulären, Millionen von Kilometern langen Schweif.

Deep Impact ist nicht die einzige Sonde, mit der die Astronomen derzeit den Schweifsternen ihre Geheimnisse zu entreißen suchen. So kehrt die amerikanische Sonde Stardust gerade von ihrer Begegnung mit dem Kometen Wild 2 zur Erde zurück. Stardust hat Materie aus der Gas- und Staubhülle des Kometen eingesammelt und soll diese im Januar 2006 in einer Kapsel über dem US-Bundesstaat Utah abwerfen. Und die europäische Sonde Rosetta ist auf dem Weg zum Kometen Churyumov-Gerasimenko, auf dem sie 2014 einen kleinen Lander zur Untersuchung von Bodenproben absetzen soll.

Doch die Forscher wollen nicht nur wissen, was sich an der Oberfläche von Kometen befindet. „Jedes Mal, wenn sich ein Komet der Sonne nähert, heizt er sich auf und seine oberflächennahen Schichten verändern sich“, erklärt Michael A´Hearn, Chefwissenschaftler der Mission Deep Impact. „Wir wollen mit Deep Impact erstmalig erforschen, wie sehr sich das Innere des Kometen von seiner Oberfläche unterscheidet.“

Nicht nur über die chemische Zusammensetzung, auch über die Struktur des Kometeninneren erhoffen sich A´Hearn und seine Kollegen Aufschluss von dem künstlichen Meteoriteneinschlag. Ist das Modell des „schmutzigen Schneeballs“ überhaupt korrekt? Oder ist der Komet von großen Höhlen durchsetzt wie ein Schweizer Käse? In diesem Fall könnte der Impactor einfach die Kometenmaterie zusammenstauchen ohne einen großen Krater zu hinterlassen. Vorstellbar ist auch, dass die Kometenmaterie so pulverig ist, dass das Projektil den gesamten Himmelskörper fast spurlos durchschlägt. Für wenig wahrscheinlich hält A´Hearn dagegen die Möglichkeit, dass der Aufprall eine starke Schockwelle auslöst, die den Kometen in mehrere Teile zerfetzt.

Kenntnisse über das Innenleben der Kometen könnten sich eines Tages als lebensrettend für die Menschheit erweisen – dann nämlich, wenn sich ein solches Gestirn auf Kollisionskurs mit der Erde befindet. Der Einschlag eines Kometen könnte zu einer globalen Katastrophe, zum Ende der menschlichen Zivilisation und zu einem massenhaften Artensterben führen. Ohne genaues Wissen über den inneren Aufbau ist heute noch völlig unklar, ob es überhaupt technische Möglichkeiten zur Abwehr einer solchen Bedrohung aus dem All gäbe – sei es durch Sprengung des Kometen oder durch eine Ablenkung aus seiner Bahn. Die Attacke von Deep Impact ist also zugleich auch eine Art kosmischer Präventivschlag.

Zum Zeitpunkt des Einschlags ist Tempel 1 etwa 130 Millionen Kilometer von der Erde entfernt und um etwa das Hundertfache zu leuchtschwach für eine Beobachtung mit bloßem Auge. Doch wenn der Einschlag genügend frische Materie ins All schleudert, könnte Tempel 1 nach Ansicht von A´Hearn für kurze Zeit hell aufleuchten – vielleicht sogar hell genug, um mit einem kleinen Hobby-Fernrohr erkennbar zu sein.

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